Direkt zum Inhalt
Persönliche Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite » Lektüre für die Frau von Welt » Mama ist so tierlieb

Mama ist so tierlieb

von Gundela Patricia Koller

"Gutzigutzigutzi" krault sie den alten Papagei am federlosen Bauch und der kackt ihr vor Freude auf die Schulter. Die weißgrüne Papageienscheiße glitscht ihr feuchtwarm über den Rücken und klatscht auf den Fußboden. Sie schlüpft aus ihren Birkenstocklatschen und steigt mit ihrem bestrumpften Fuß auf die Kacke, dreht den Fuß links, rechts, links, rechts und weg ist der Fleck. Mit der nassen Wollsocke steigt sie wieder in ihren Schlappen und schlurft in die Küche, wo sie Kuddeln und Innereien für die Hunde kocht. Der Gestank zieht durch das ganze Haus. Sie bringt einen Kochtopf mit verbranntem, Essen, das sie ihrer kleinen Tochter vorgesetzt hatte und welches das undankbare Kind mal wieder nicht aufgegessen hat, nach hinten in den Hof und setzt es dort den Hühnern, Enten und Gänsen vor, damit sie die Reste aus dem Topf picken können.

„Quackquackquack“ ruft sie das Federvieh herbei, das sich gleich aufgeregt schnatternd auf die Essensreste stürzt. Wieder in der Küche läßt sie das Hundefutter abkühlen und verteilt den Fraß in die Hundeschüsseln.
"Woistderwauwauwoistderwauwau?" holt sie die Hunde herbei, die das Futter in sich hineinschlingen. Das hungrige Kind schleicht mit verweinten Augen durch das Haus und macht sich auf die Suche nach der Hundeschokolade. Es stiehlt gerade mal so viel, daß es auch ganz sicher nicht auffällt, damit es keinen Ärger geben kann. Mama ist wieder draußen im Hof und dreht einem Hasen den Hals um, denn bald gibt es Hasenbraten für die Erwachsenen. Die Reste vom Braten verbrennen und verkohlen dann wahrscheinlich auch, denn wegen des Kindes steht sie nicht gerne lange am Herd.
"Hasihasihasi" lockt sie den nächsten Mümmelmann, der schon bald sein Hasenleben aushaucht. Wieder in der Küche kippt sie alles an Resten zusammen, was noch rumsteht: Brot, Reis, Nudeln, Gemüsebrühe, ein altes Ei, Fischstäbchen und matschiges Gemüse. So, das Essen für morgen, welches das lästige Kind eh wieder nicht essen wird, ist auch fertig, nun kann sie sich ihren Handarbeiten widmen und sich um die dreihundertvierundzwanzigste handgestickte Tischdecke kümmern, während sie fernsieht. Der Papagei sitzt auf ihrer Schulter und beobachtet die Bewegungen mit der Nadel. Ab und an plärrt und kackt er fröhlich vor sich hin. Ein Hund furzt stinkend unterm Wohnzimmertisch.
Papa kommt nach Hause und schenkt sich ein erstes Bier ein. Keifend beklagt sie sich was sie für eine Last mit dem Kind hat, das so ganz und gar nichts taugt und einfach nur Arbeit macht. Ihn interessiert das Gejammere wegen dem schrecklichen Kind und um ihre verlorenen Jahre genau so wenig wie das Kind, wegen dem er sie damals heiraten mußte.
Das Kind liegt mit, von den heutigen Prügeln, schmerzenden Gliedern im kalten Bett und starrt an die Decke seines Zimmerchens im Keller, wo es Schatten beobachtet und sich Geschichten dazu ausdenkt, damit es sich nicht so einsam fühlen muß. Allerlei Getier, Engel, Tod und Teufel kommen und gehen bis es mit knurrendem Magen erschöpft einschläft.
"Miezmiezmiez" wird oben die Katze ins Haus gerufen, dann geht Mama mit ihrem hochgeschlossenen Flanellnachthemd, ihrem rosa Strickjäckchen und ihren Wollsocken ins Bett, während Papa noch bis weit nach Mitternacht weiter fernsieht, um ein Gespräch zu vermeiden und seine Ruhe vor ihr zu haben. Er macht es sich gemütlich, zieht seine Schuhe aus und legt die Füße auf den Tisch, nachdem er die bestickte Tischdecke mit einer verächtlichen Bewegung runtergewischt hat. Wenn einer von ihnen zuerst sterben würde, dann würde er als erstes diese gottverdammten Tischdecken verbrennen. Soviel steht für ihn fest. Im Fernsehen läuft gerade irgendein Bericht mit der altbekannten Tatsache, daß weit mehr Menschen im Tierschutz aktiv sind als im Kinderschutz, weil mal wieder irgendwo mitten im Wohlstandsland irgendein total verwahrlostes Kind aufgefunden wurde. Gelangweilt switcht er mit der Fernbedienung auf einen anderen Sender, auf dem ein Sexfilmchen läuft und sucht nun mit flinken Fingern in seiner Hose nach seinem recht vernachlässigten Schrumpelstielzchen.
Die Katze würgt im Schlafzimmer auf dem Teppich vor dem Bett röchelnd einen Haarklumpen hervor und kotzt dabei noch weiteres Unverdautes aus.
Wenn sich Papa heute im Dunklen ins Bett schleicht, in dem neben seiner Frau schon einer der Hunde liegt und schnarcht, wird er mal wieder barfuß in glitschigfeuchten, magensaftgetränkten Katzenhaarmatsch treten, der dann zwischen seinen Zehen schmatzend hochquillt.

Lektüre für die Frau von WeltLektüre für die Frau von Welt