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Tessa

von Gundela Patricia Alice Koller

Keiner weiß so perfekt wo man was umsonst abstauben kann wie Tessa. Läuft sie etwa mal Gefahr ihre Getränke im Lokal selbst bezahlen zu müssen, dann sitzt sie stundenlang vor einem Mineralwasser, aber wenn ihre Freundinnen oder irgendwelche Männer zahlen, dann trinkt sie nur Champagner, denn das ist ja schließlich standesgemäß.
Tessa kommt aus einfachsten Verhältnissen, möchte aber ganz nach oben. Sie studiert alle Klatschblätter um zu sehen wie die Reichen leben und sie beurteilt Männer danach welche Uhren sie tragen, denn ein Mann mit einer Swatch kann schließlich nichts taugen und man geht erst ab einer Rolex mit einem Mann ins Bett. Tessa ist die personifizierte Geldgier. In Second Hand-Boutiquen kleidet sie sich mit Escada-Kostümchen ein und schnorrt sich den Rest an Accessoires bei ihren Freundinnen zusammen.

Tessa ist dumm wie Brot, aber dafür um so williger, wenn einer nur genug Geld hat. Er muß dann nur übersehen, daß sie alles andere als schön und schlank ist, aber dafür ist sie eine sichere Nummer nach ein paar Gläschen Champagner und etwas dümmlichem Smalltalk. Sie weiß sich nahe an der Erfüllung ihrer Träume, als sie genug Geld zusammengekratzt hat um sich einen Urlaub in der Schweiz zu leisten. Vor der Abfahrt besucht sie noch ihre beste Freundin, natürlich nur um sich zu verabschieden, hat dann wie gewohnt Hunger und plündert erst mal ihren Kühlschrank, dann braucht sie dringend ein Bad und planscht in dem teuren Duftbad, das die Freundin von ihrem Freund zu Weihnachten bekommen hat und läßt sich schon mal zeigen wo die Kosmetika liegen. Dann braucht sie noch Lockenwickler, einen Fön, oh ja und das tolle Parfüm.
Welch ein Glück, daß sie die selbe Schuhgröße haben und welch ein Zufall: die Handtasche der Freundin paßt ja auch so gut zu ihrem Kleidchen. Wohlgenährt und fein gebadet, frisch geschminkt und frisiert macht sie sich auf die Reise, natürlich nicht ohne sich vorher noch die Erbstücke auszuleihen, denn bei so einem edlen Kleid, da muß ja was funkeln am Hals, am Handgelenk und an den Ohren. Man käme sich ja sonst irgendwie nackt vor. Es ist Ehrensache, daß die Freundin die edlen Schmuckstücke irgendwann zurück bekommt. Vielleicht so in zwei oder drei Jahren, bis dahin würde sie ja längst reich verheiratet sein und selbst besseren Schmuck tragen...
Wohin reist Tessa wohl? Natürlich dorthin wo der Jet Set feiert. In St. Moritz schafft sie es sich mit ihrem Escadafummel ins Hotel Palace reinzumogeln und unter lauter wohlhabenden und berühmten Leuten Sylvester zu feiern. Der Abend verspricht lohnend zu werden, denn sie flirtet bereits mit einem Juwelier, als ein junger Mann mit Turnschuhen an ihren Tisch tritt und sie auf ein Glas Champagner einladen möchte. Nun flippt sie richtig aus, denn der versaut ihr doch glatt die langfristig geplante Tour. Sie winkt ganz ladylike den Kellner herbei und fordert ihn auf, daß er den jungen Kerl von ihrem Tisch entfernen solle. Der Kellner ist sehr verwundert, bittet aber den jungen Mann, die Dame in Ruhe zu lassen. Dieser geht zurück an seinen Tisch und feiert mit seinen Freunden weiter.
Als sie der Juwelier Stunden später bei ihrem Hotel absetzt verabschiedet er sich freundlich: "Das war ja wirklich irre wie Du den Sohn des milliardenschweren Reeders abblitzen lassen hast. So etwas hat der sicher noch nicht erlebt... Tschüß, ich muß nun zu meiner Frau, es ging ihr heute leider gar nicht gut, so daß sie nicht mitkommen konnte."
Tessa ist am Rande eines Nervenzusammenbruchs: Dummer Fehler aber auch, die ganzen Investitionen für die Katz!

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