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Blind wie ein Maulwurf

von Gundela Patricia Koller

Ich bin etwas blind, was mir bei meinen lieben Freunden den zärtlichen Kosenamen Maulwurf oder auch Mole (= engl. Maulwurf) eingebracht hat... Es ist nicht so schlimm, daß ich meine Bücher in Brailleschrift schreiben müßte, aber meine Eitelkeit und meine Brille vertragen sich schlecht. Als Tochter von zwei superspießigen Dorfschul-Lehrern ist der häufige Satz: „Mit Brille siehst Du aus wie eine Lehrerin“ das perfekte K.O.-Kriterium für mein Brillen-Selbstbewußtsein. Also stehen meine Brille und ich auf Kriegsfuß. So setze ich im Kino die Brille immer erst auf, wenn es dunkel wird und fummle sie schnell während des Abspanns wieder zurück in meine Handtasche und bewege mich dann mittels Geruchs- und Tastsinn wieder ins Freie.
Wenn ich meine Brille mal vergessen habe, muß mir mein Begleiter oder Sitznachbar den ganzen Film erzählen und irgendwie habe ich die Erfahrung gemacht, daß die Leute das

gar nicht so gerne haben und recht bald zu meckern anfangen oder mit Popkorn, Pappbechern mit Cola oder Fanta und weiteren, in der Dunkelheit nicht zu identifizierenden, Gegenständen nach uns werfen....
Ich komme im Alltag auch ganz gut ohne Brille zurecht, denn meine Wohnung kenne ich ja ohnehin und wenn ich mich mit Freunden im Restaurant verabrede, bitte ich sie vorher schon nach mir Ausschau zu halten und zu winken, wenn sie mich sehen. Da man einem Maulwurf so eine Bitte ja nicht abschlagen kann, tun sie das ja auch alle. Hier hilft einfach der Mitleidsfaktor, den man als kurzsichtige, aber attraktive Blondine genießt.
Bei einem Blind Date sieht das anders aus. (Meine Dates sind ja eigentlich alle blind, aber das muß man ja nicht jedem auf die Nase bzw. auf´s Auge binden.) Da kann der Mann schlecht winken, da er ja auch nicht weiß wie ich aussehe und was wäre wenn er ebenso blind und eitel ist wie ich? Hier habe ich aber auch schon so meine Technik entwickelt: Man verabredet sich an einem festen Punkt im Lokal und tauscht vorher noch die Handynummern aus für die sichere Identifizierung. Der Mann, der an Ort und Stelle steht und klingelt, das ist mein Date, dann strahle ich ihn an und sage: "Ich habe Dich gleich erkannt. Genau so habe ich mir Dich vorgestellt."
Nach Restaurantbesuchen gibt es immer nur ein Problem: Blaue Flecken an den Beinen, weil ich die Abstände mal wieder nicht richtig einschätzen konnte und ein paar Tischkanten auf dem Weg zur Damentoilette mitgenommen habe... Das bedeutet, daß ich demnächst auf Röcke und Strümpfe verzichten muß und mal wieder eine Weile mit Hosen unterwegs bin.
Ich habe so aber auch schon viele Leute kennengelernt, weil ich sie freundlich begrüßt habe... obwohl wir uns nicht kannten, - allerdings habe ich mir auch immer wieder welche vergrault als sie mich grüßten und ich sie nicht erkannt habe und mich dann obendrein noch belästigt fühlte von der dummen Anmache. Zuhause, wenn ich koche, gibt es diese Probleme nicht, da kann ich ja alles anfassen und daran riechen, aber schnuppern und tasten Sie mal an einem Fremden?! Außerdem setze ich ja auch meine Brille auf, solange niemand im Haus ist. Ich setze sie ja sogar schon ab wenn ich an einem Spiegel vorbeigehe, damit ich nicht erschrecke oder wenn ich den Müll runterbringe. Irgendwie hat es auch den Anschein, daß hier im Haus ständig neue Leute wohnen, aber so genau weiß ich das nicht....
Irgendwann wurde mir auch vorgeschlagen, daß ich meine Augen operieren oder lasern lassen könnte, doch irgendwas kam mir bei dem vereinbarten Beratungsgespräch in der Augenklinik seltsam vor: Der Arzt trägt eine Brille! Irgendwie scheint er seinem eigenen Laden dann ja wohl nicht zu trauen.... Sehr bedenklich!
Also lieber Feigheit vor dem Feind und der Sprechstundenhilfe ein paar falsche Daten angegeben und aus der Praxis geflüchtet...
Kontaktlinsen hat man mir auch schon vorgeschlagen, aber wie soll ich die denn finden, - ohne Brille? Und bis ich die Dinger eingesetzt hätte, hätte ich bei meinen langen Fingernägeln ja lauter Blutergüsse um die Augen, was mich nicht unbedingt hübscher machen würde, dagegen sähe ich ja wohl sogar noch mit meiner Brille schöner aus...
Heute habe ich einen attraktiven Mann mit Glatzkopf im Supermarkt gesehen, als er verzweifelt den Einkaufswagen und seine Taschen durchsuchte: „Haben Sie meine Brille gesehen?“ Wir Blinden müssen ja zusammenhalten und so tastete ich seinen Kopf ab, fand seine Brille, die er hochgeschoben hatte, um ein Etikett entziffern zu können und beförderte seine Brille zurück auf die Nase. Bei der Gelegenheit verabredeten wir uns gleich noch auf ein Glas Wein am Abend...
Auf dem Heimweg fragte ich mich, meine schwere Einkaufstüten schleppend, dann aber doch, ob er attraktiv war oder ob ich ihn einfach nur durch eine Art rosarote Brille gesehen habe, weil ich in ihm einen Leidensgenossen erkannt habe.... Während ich zuhause beim Verstauen meiner Vorräte meine Brille aufsetze und staune was ich heute so alles gekauft habe, werde ich doch etwas unsicher: Hatte der nicht eine besonders große Nase gehabt? Das kann ein feines Date werden heute abend: Maulwurf trifft Nasenbär ...
Ich kann ja jemanden von meinen Freunden bitten, auch hinzugehen und zu gucken wie der aussieht und mir dann unauffällig auf dem Weg zur Damentoilette – autsch! – autsch! – autsch! – Bescheid zu geben, ob er einen Riesenzinken hat. Naja eigentlich auch egal, ich sehe ihn ja eh nicht wirklich ... Oder ich gehe so nah an ihn ran, bis mir seine Nase – im wahrsten Sinn des Wortes - ins Auge sticht. Ich könnte natürlich auch meine Brille aufsetzen, um sicherzugehen...

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