Blind wie ein Maulwurf
Ich bin etwas blind, was mir bei meinen
lieben Freunden den zärtlichen Kosenamen Maulwurf oder auch Mole (=
engl. Maulwurf) eingebracht hat... Es ist nicht so schlimm, daß ich
meine Bücher in Brailleschrift schreiben müßte, aber meine Eitelkeit
und meine Brille vertragen sich schlecht. Als Tochter von zwei
superspießigen Dorfschul-Lehrern ist der häufige Satz: „Mit Brille
siehst Du aus wie eine Lehrerin“ das perfekte K.O.-Kriterium für mein
Brillen-Selbstbewußtsein. Also stehen meine Brille und ich auf
Kriegsfuß. So setze ich im Kino die Brille immer erst auf, wenn es
dunkel wird und fummle sie schnell während des Abspanns wieder zurück
in meine Handtasche und bewege mich dann mittels Geruchs- und Tastsinn
wieder ins Freie.
Wenn ich meine Brille mal vergessen habe, muß mir mein Begleiter oder
Sitznachbar den ganzen Film erzählen und irgendwie habe ich die
Erfahrung gemacht, daß die Leute das
gar nicht so gerne haben und recht bald
zu meckern anfangen oder mit Popkorn, Pappbechern mit Cola oder Fanta
und weiteren, in der Dunkelheit nicht zu identifizierenden,
Gegenständen nach uns werfen....
Ich komme im Alltag auch ganz gut ohne Brille zurecht, denn meine
Wohnung kenne ich ja ohnehin und wenn ich mich mit Freunden im
Restaurant verabrede, bitte ich sie vorher schon nach mir Ausschau zu
halten und zu winken, wenn sie mich sehen. Da man einem Maulwurf so
eine Bitte ja nicht abschlagen kann, tun sie das ja auch alle. Hier
hilft einfach der Mitleidsfaktor, den man als kurzsichtige, aber
attraktive Blondine genießt.
Bei einem Blind Date sieht das anders aus. (Meine Dates sind ja
eigentlich alle blind, aber das muß man ja nicht jedem auf die Nase
bzw. auf´s Auge binden.) Da kann der Mann schlecht winken, da er ja
auch nicht weiß wie ich aussehe und was wäre wenn er ebenso blind und
eitel ist wie ich? Hier habe ich aber auch schon so meine Technik
entwickelt: Man verabredet sich an einem festen Punkt im Lokal und
tauscht vorher noch die Handynummern aus für die sichere
Identifizierung. Der Mann, der an Ort und Stelle steht und klingelt,
das ist mein Date, dann strahle ich ihn an und sage: "Ich habe Dich
gleich erkannt. Genau so habe ich mir Dich vorgestellt."
Nach Restaurantbesuchen gibt es immer nur ein Problem: Blaue Flecken an
den Beinen, weil ich die Abstände mal wieder nicht richtig einschätzen
konnte und ein paar Tischkanten auf dem Weg zur Damentoilette
mitgenommen habe... Das bedeutet, daß ich demnächst auf Röcke und
Strümpfe verzichten muß und mal wieder eine Weile mit Hosen unterwegs
bin.
Ich habe so aber auch schon viele Leute kennengelernt, weil ich sie
freundlich begrüßt habe... obwohl wir uns nicht kannten, - allerdings
habe ich mir auch immer wieder welche vergrault als sie mich grüßten
und ich sie nicht erkannt habe und mich dann obendrein noch belästigt
fühlte von der dummen Anmache. Zuhause, wenn ich koche, gibt es diese
Probleme nicht, da kann ich ja alles anfassen und daran riechen, aber
schnuppern und tasten Sie mal an einem Fremden?! Außerdem setze ich ja
auch meine Brille auf, solange niemand im Haus ist. Ich setze sie ja
sogar schon ab wenn ich an einem Spiegel vorbeigehe, damit ich nicht
erschrecke oder wenn ich den Müll runterbringe. Irgendwie hat es auch
den Anschein, daß hier im Haus ständig neue Leute wohnen, aber so genau
weiß ich das nicht....
Irgendwann wurde mir auch vorgeschlagen, daß ich meine Augen operieren
oder lasern lassen könnte, doch irgendwas kam mir bei dem vereinbarten
Beratungsgespräch in der Augenklinik seltsam vor: Der Arzt trägt eine
Brille! Irgendwie scheint er seinem eigenen Laden dann ja wohl nicht zu
trauen.... Sehr bedenklich!
Also lieber Feigheit vor dem Feind und der Sprechstundenhilfe ein paar
falsche Daten angegeben und aus der Praxis geflüchtet...
Kontaktlinsen hat man mir auch schon vorgeschlagen, aber wie soll ich
die denn finden, - ohne Brille? Und bis ich die Dinger eingesetzt
hätte, hätte ich bei meinen langen Fingernägeln ja lauter Blutergüsse
um die Augen, was mich nicht unbedingt hübscher machen würde, dagegen
sähe ich ja wohl sogar noch mit meiner Brille schöner aus...
Heute habe ich einen attraktiven Mann mit Glatzkopf im Supermarkt
gesehen, als er verzweifelt den Einkaufswagen und seine Taschen
durchsuchte: „Haben Sie meine Brille gesehen?“ Wir Blinden müssen ja
zusammenhalten und so tastete ich seinen Kopf ab, fand seine Brille,
die er hochgeschoben hatte, um ein Etikett entziffern zu können und
beförderte seine Brille zurück auf die Nase. Bei der Gelegenheit
verabredeten wir uns gleich noch auf ein Glas Wein am Abend...
Auf dem Heimweg fragte ich mich, meine schwere Einkaufstüten
schleppend, dann aber doch, ob er attraktiv war oder ob ich ihn einfach
nur durch eine Art rosarote Brille gesehen habe, weil ich in ihm einen
Leidensgenossen erkannt habe.... Während ich zuhause beim Verstauen
meiner Vorräte meine Brille aufsetze und staune was ich heute so alles
gekauft habe, werde ich doch etwas unsicher: Hatte der nicht eine
besonders große Nase gehabt? Das kann ein feines Date werden heute
abend: Maulwurf trifft Nasenbär ...
Ich kann ja jemanden von meinen Freunden bitten, auch hinzugehen und zu
gucken wie der aussieht und mir dann unauffällig auf dem Weg zur
Damentoilette – autsch! – autsch! – autsch! – Bescheid zu geben, ob er
einen Riesenzinken hat. Naja eigentlich auch egal, ich sehe ihn ja eh
nicht wirklich ... Oder ich gehe so nah an ihn ran, bis mir seine Nase
– im wahrsten Sinn des Wortes - ins Auge sticht. Ich könnte natürlich
auch meine Brille aufsetzen, um sicherzugehen...
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